Unsere Erfahrung mit der Gemeinschaftsschule Schliengen:

Nicole Betz, ihre Tochter Lea besucht derzeit die 9. Klasse

„Das selbstorganisierte Lernen und Handeln sowie die Ganztagesschule bis 15.20 Uhr hat uns zunächst Bedenken bereitet, zum Beispiel ob unsere Tochter Lea nicht überfordert sein könnte. Da wir aus Efringen-Kirchen sind, heißt das um 5.50 Uhr raus aus den Federn und erst um 16 Uhr zu Hause sein. Die Bedenken haben sich schnell zerschlagen, da das eigenverantwortliche Lernen unserer Tochter sehr viel Motivation gab. Die Lehrer haben dazu beigetragen, dass das Miteinander gut war und Leas Fortschritte stetig zu sehen waren. Die ausführlichen Bilanzgespräche tragen dazu bei. Natürlich war es nach der Grundschule eine Umgewöhnung von der Notengebung auf den Entwicklungsbericht. Für Lea war es ein Segen, da der sonst vorherrschende Notendruck nicht mehr existierte, sie aber durch die vielen Coaching-Gespräche genau wusste, wo sie steht. Seit der neunten Klasse gibt es nun wieder Noten, doch das ist in diesem Alter kein großes Problem, denn nun kann Lea sich selbst sehr gut einschätzen.“

Anka Drolshagen, ihre Tochter besucht die 9. Klasse, ihre Söhne die 7. Klasse

„Wir standen vor 4 Jahren vor der Entscheidung Gymnasium oder Gemeinschaftsschule? Unsere Tochter hatte uns die Entscheidung damals weitgehend abgenommen, denn nach der Besichtigung wollte sie unbedingt nach Schliengen. Und bis heute haben wir das nicht bereut, auch wenn sie hier kein Abitur machen kann. Aber mit einem sehr guten Realschulabschluss und immer noch mit Spaß am Lernen, stehen ihr später alle Türen offen. Inzwischen haben wir drei Kinder auf dieser Schule und können daher sagen, dass diese selbstständige Form des Lernens und dass es keine Noten bis zur 9. Klasse gibt die Kinder in ihrer Persönlichkeit stärkt. Denn nicht jedes Kind ist in jedem Fach gleich gut, aber hier hat jeder Schüler, egal bei welchem Stand es sich befindet, eine Chance ohne Druck zu lernen und genau das war uns sehr wichtig. KEIN Druck, sondern Spaß am Lernen.

Was ich noch sagen muss, ist dass ich es zu Beginn sehr schwer mit dem „Loslassen“ hatte. Ja, nicht die Kinder, sondern ich. Die vier Jahre in der Grundschule wusste ich als Mutter immer, was die Kinder gerade lernen, auf welcher Seite im Buch das Gedicht steht, welches sie auswendig lernen müssen, welches Thema in Mathe gerade bearbeitet wird. Durch die Hausaufgaben war ich immer mit dabei und konnte mich mit einbringen. Und dann kommt die 5. Klasse in der Gemeinschaftsschule, es gibt in der Regel keine Hausaufgaben, die Kinder lassen ihre Sachen in der Schule. Selbstständig lernen. Hilfe? Ich hatte überhaupt keine Kontrolle mehr, was meine Kinder machen. Das war nicht nur für die Kinder eine Umstellung. Aber ich wurde bald eines Besseren belehrt, denn regelmäßig kamen die Wochenrückmeldungen in denen ich lesen konnte, wo meine Kinder stehen, dass sie sich in Mathe gut in den Unterricht eingebracht haben, dass sie wieder mal zu viel in Deutsch gequatscht haben oder sich eher selten im Unterricht beteiligen.

Eigentlich weiß ich so mehr über meine drei Kids als früher. Vor allem während des ganzen Schuljahres, nicht erst, wenn es das Zeugnis gibt. Ich hoffe weiter, dass diese Schulformen eine Chance hat und es irgendwann vielleicht mal nur noch Gemeinschaftsschulen gibt. In anderen Ländern geht es auch und zwar mit sehr guten Ergebnissen.“



Martina Renkert, ihre Töchter besuchen die 10. und die 6. Klasse

„Non scholae sed vitae discimus – nicht für die Schule sondern für das Leben lernen wir“. Dieser gut gemeinte Spruch meines Vaters begleitete mich als Kind während meiner gesamten Schulzeit. Sein Sinn sollte sich mir aber nie wirklich erschließen, schien es doch immer nur darum zu gehen, das Gelernte in der Schule termingerecht in Form von (möglichst) guten Noten wiederzugeben. Und wer erinnert sich nicht an gewisse Rechenspiele, wenn die Zeugnisse bevorstanden? Angewandte Mathematik fürs Leben sah dann z.B. so aus: „Wenn ich in Chemie eine 2 schreibe, könnte ich damit die 4 in Physik ausgleichen“. Ergebnis der Rechenübung: Stoff auswendig lernen, Note sichern, Versetzung schaffen – Schule halt. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass das Zitat, das mein Vater damals so gerne benutzte, im Original von Seneca genau andersherum geschrieben worden war und schon zu Zeiten der alten Römer das schulorientierte Lernen anprangerte.

Als nun vor sechs Jahren für unsere älteste Tochter die Entscheidung für die weiterführende Schule anstand, schien die neue Gemeinschaftsschule in Schliengen genau die ersehnte Alternative zu den anderen Schulformen zu bieten. Lernen ohne Notendruck, Mittagsbetreuung, zahlreiche Zusatzangebote in Form von Aktivs, Lernzeitstunden, die den üblichen Hausaufgabenfrust überflüssig machen würden - und alles hier vor Ort. Keine Frage, wofür wir uns entschieden haben, trotz zahlreicher Gegenstimmen aus dem Familien- und Freundeskreis.

Der Anfang? Sehr gewöhnungsbedürftig und gekennzeichnet von einem Gefühl mangelnder Kontrolle. Das legte sich allerdings bald, denn durch die detaillierten Wochenrückmeldungen waren wir Eltern immer auf dem Laufenden.

Das Beste? Keine Tränenausbrüche/schlaflosen Nächte mehr vor bzw. nach einer misslungenen Arbeit (Leistungsnachweis). Ein hohes Maß an Eigenverantwortung führt zu mehr Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und gibt Mut, sich auszuprobieren. (Motto: es kann ja nichts passieren.)

Die Nachteile? Da der Notendruck entfällt, funktioniert diese Schulform nur mit sehr viel Selbstdisziplin! Dabei sind auch die Eltern stark gefordert. Keine Hausaufgaben? Gibt es immer noch, vor allem in den höheren Klassenstufen. Und: nach 4 Jahren ohne Noten bedeuten Klasse 9 und 10 eine große Umstellung, zusätzlich zur stressigen Prüfungszeit.

Und heute? Würden wir es wieder ganz genauso machen und haben es bereits, denn die jüngere unserer Töchter besucht mittlerweile ebenfalls die 6. Klasse der Gemeinschaftsschule! Auch wenn für den Abschluss letztendlich wieder Noten erforderlich sind und die „Schule halt“ zurückkehrt, hatten/haben die Schüler vier Jahre Zeit, für sich selbst zu lernen und daran zu wachsen. Eine wichtige Voraussetzung für das spätere Leben. Non scholae, sed vitae discimus."